Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit einer Person, grundlegende Informationen des Gesundheitssystems einzuholen, zu verstehen und anhand dessen zu handeln. Dabei hat naturgemäß das Aufklärungsgespräch zwischen Ärztin/Arzt und Patient*in die größte Bedeutung. Idealerweise stellen die Mediziner*innen den Patient*innen die benötigten Informationen im Rahmen des Aufklärungsprozesses in verständlicher Form zur Verfügung.
Die American Medical Association und die National Institutes of Health empfehlen beispielsweise, dass Aufklärungsmaterialien der Lesefähigkeit der 6. Schulstufe entsprechen sollten. Zahlreiche Studien (z. B. „Readability of invasive procedure consent forms“, „Readability of endoscopy information leaflets: Implications for informed consent“, „Patient education materials: can patients read them?“) haben jedoch gezeigt, dass die meist standardisierten Aufklärungsbögen und Informationen für die Patient*innen oft diesen empfohlenen Leseschwierigkeitsgrad überschreiten. Fehlt das Verständnis, kann sich das negativ auf den therapeutischen Verlauf auswirken. Patient*innen können möglicherweise den Nutzen und die Risiken einer Behandlung oder eines Eingriffs falsch interpretieren und somit den ärztlich verordneten Behandlungsplänen nur bedingt folgen.
„Pictorial superiority“-Theorie
Die sogenannte „Pictorial superiority“-Theorie besagt, dass Informationen einfacher verstanden und behalten werden, wenn sie gemeinsam mit Bildern und Worten anstatt nur mit Worten vermittelt werden. Der Grund dafür ist, dass Lesen und Sehen verschiedene Systeme der Informationsverarbeitung innerhalb des Gehirns aktivieren. Basierend auf dieser Theorie wurden in den vergangenen Jahren der Aufklärungsprozess und die Informationsvermittlung verbessert. Dabei standen bisher vor allem videobasierte Aufklärungsformate im Vordergrund.
Seit einiger Zeit halten aber auch zunehmend grafisch-narrative Medienformate Einzug in den Gesundheitssektor. Diese neuartigen und kreativen Formen der Kommunikation von gesundheitsbezogenen Themen werden unter der Bezeichnung „Graphic Medicine“ zusammengefasst.
Comics als neues Aufklärungsmedium
Im Vergleich zu anderen multimediabasierten Aufklärungsmethoden wie Videos oder Softwareprogrammen sind Comics kostengünstiger herzustellen. Zudem wird damit den Patient*innen ermöglicht, dass sie ihre Lesegeschwindigkeit individuell den eigenen Fähigkeiten anpassen. Sie können beliebig vor- und zurückblättern und sich so viel Zeit wie nötig nehmen, um die bereitgestellten Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu verstehen. Wenn die Patient*innen die Comics bereits im Vorhinein erhalten, haben sie die Möglichkeit, jederzeit Informationen nachzulesen oder die Comics gegebenenfalls zum Arztgespräch mitzunehmen. Dort können sie bei offenen Fragen auf bestimmte Abschnitte verweisen und diese noch einmal im direkten Dialog besprechen.
In einer Studie („Communicating information to patients: the use of cartoon illustrations to improve comprehension of instructions“) wurde bei Entlassungsverordnungen aus der Notaufnahme untersucht, welchen Effekt gezeichnete Illustrationen auf das Patient*innenverständnis bzw. die Compliance haben.
46 Prozent der Patient*innen, die bildunterstützte Verordnungen erhielten, konnten alle Fragen zur Wundnachbehandlung korrekt beantworten. In der Kontrollgruppe konnten dies lediglich 6 Prozent. Die Sorge, Comics wären albern und nur für Kinder gedacht, ist übrigens unbegründet. 95 Prozent der Befragten einer Studie, die 2021 für eine Dissertation an der Charité in Berlin erstellt wurde, verneinten die Aussage, sie hätten sich durch den gezeigten Comic im Aufklärungsbogen nicht ernst genommen gefühlt.
Kommunikationstool mit Potenzial
Strategische Kommunikation, so wie wir sie verstehen, muss immer zweckorientiert sein. Im konkreten Fall lautet das Ziel, mittels Kommunikation Einfluss auf das Patient*innenverhalten (Compliance) zu nehmen. Comicgestütztes Infomaterial hat nachweislich das Potenzial, die Aufklärung im klinischen Alltag signifikant zu verbessern. Dies führt nicht nur zu einer höheren Zufriedenheit der Patient*innen und positiveren Erfahrungen mit der medizinischen Versorgung, sondern auch zu einem größeren Therapieerfolg und in der Folge zu geringeren Gesundheitskosten. Genug Gründe, sich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen – jedenfalls für uns.