Auch bei Corona-Infektionen zeigen sich in puncto Geschlecht klare Unterschiede – so sterben Männer häufiger an der Krankheit selbst, die Langzeitfolgen hingegen betreffen vor allem Frauen. Gleichbehandlung als oberste Prämisse gilt also nicht in Gesundheitsfragen, so viel steht fest. Im Moment krankt es hierbei noch auf allen Ebenen, höchste Zeit also, das Thema zum Thema zu machen.
Ein Zitat von Gertraud Stadler, Professorin für Präventionsforschung und Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin, bringt es auf den Punkt: „Im deutschsprachigen Raum gibt es keine Tradition, Daten zu Geschlecht und Diversität bei allen Studien routinemäßig zu erheben.“ Mit anderen Worten, es fehlt uns die Basis. Ohne geschlechterdifferenzierte Daten gibt es keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und damit auch keine effektive gendersensible Umsetzung in die Praxis. In den USA und in Kanada hingegen sind geschlechterspezifische Parameter Voraussetzung für die Bewilligung von Forschungsförderungen. Eine verpflichtende Implementierung des Faktors Geschlecht würde demnach auch hierzulande helfen, den enormen Data-Gap zu schließen, fasst es Martina Nothnagel im Wissenschaftsmagazin „Heureka“ zusammen.
Gesundheit als männliche Norm auch schlecht für Männer
Ein Fachbereich, in dem genderspezifische Forschung bereits Früchte trägt, ist die Kardiologie. Fakt ist, Herzkrankheiten äußern sich bei Frauen oft mit völlig anderen Symptomen als bei Männern. Auch in Sachen Medikamentenverträglichkeit gibt es massive Differenzen. Doch auch umgekehrt gilt es eine ausschließlich männlich orientierte Norm zu hinterfragen. Gertraud Stadler erklärt: „Wir haben auch bei den Männern eine Unterversorgung. Brustkrebs wird als frauentypische Erkrankung wahrgenommen. Ähnliches gilt für Osteoporose, die stereotyp als Krankheit der menopausalen Frau verstanden und bei Männern selten rechtzeitig diagnostiziert und behandelt wird.“
Die Zielsetzung: Geschlechtersensible Medizin
Wichtig zu erwähnen ist außerdem, dass geschlechterspezifische Medizin auch das soziale Geschlecht miteinbezieht. Dies umfasst gesellschaftliche, psychische und kulturelle Faktoren, wie etwa soziale Rollen, Lebensumstände oder spezifische psychosoziale Belastungen. „Das Ziel ist die optimale Versorgung und letztlich die bestmögliche Gesundheit aller“, erklärt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender Medicine und Leiterin der Gender Medicine Unit der Medizinischen Universität Wien. Gemeint ist hierbei die gesamte Versorgungskette – von der Prävention über die Diagnose bis hin zur Therapie und Rehabilitation.
Weiter spannende Infos zu diesem Thema auf: www.mdr.de